Auf den Spuren von…

Tinder als eine Art „Panic-Room“ für diesen trostlosen Schlag von Menschen, der immer über irgendwas hinweggetröstet werden muss, irgendwas kompensieren will oder chronisch zu wenig gestreichelt wird. Man kann sich doch auch erstmal ein Haustier anschaffen und einbilden, dass es einen liebt.

Geir war nie überzeugt von diesem „App Quatsch“ über welche sich diese durch Selbstsucht gesteuerten „digital natives“ identifizieren. Ideenlosigkeit als Event, das totale Burnout der Echtheit.

Aber tatsächlich, eins ist sicherlich wahr. Ab 60 stellt es sich als bemerkenswert schwierig heraus, kopulierungsfreudige Frauen mal eben so in einer Bar in der wirklichen, analogen Welt anzutreffen. Es sei denn, man versucht sich in der Swinger-Szene, doch der letzte Besuch, vor etwa fünf Jahren, in einem derartigen Etablissement sollte sich zu einem Desaster entwickeln, als der swingende Ehepartner, mit dessen Frau Geir gerade zu Gange war, ungefragt durch seine Hintertür eindrang. Das war ein eindeutiger Fall von „Cockblocker“, den Geir in Zukunft unbedingt verhindern möchte.

Also erwies sich die schwedische Dating-Matrix schlussendlich doch, trotz erheblicher Bedenken, als einzige Opportunität das restliche Leben nicht nur zu onanieren oder für Sex zu zahlen. Eine traurige Aussicht, die es zu meiden galt.

Erst machte sich Geir im Internet über die verschiedensten Fetische und Begriffe schlau. Vorbereitung ist alles. Von „Kaviar“, was ihm nicht so gefiel über „lazy“, was genau sein Fetisch war, heißt: hinlegen und machen lassen, was in seinem Alter auch wirklich das Unkomplizierteste darstellte, bis hin zu „Daddy“, was Frauen oder Männer als Vorliebe angeben, wenn sie auf Ältere, ab 60, abfahren. Das war also das Geheimnis. Man muss nur geduldig genug sein und möglichst lange überleben, um dann noch einmal die richtig jungen und attraktiven Frauen abzugreifen, die es kaum erwarten können, dass ein älterer, dickerer Herr über sie drüber rutscht. Das muss es also sein, das Paradies.

Alt sein kam ihm noch nie so schön vor und das Internetforum „Oldie but sexy“ strotzte nur so von „Nutzererfahrungen“, die von ihren Erlebnissen mit hinreißenden, jungen, sexy, inspirierenden Frauen schwärmten. Es sei ganz fantastisch, dass es „so viele junge Frauen mit einem Faible für alte Säcke“ gibt. Völlig unkompliziert und ohne weitere Erwartungen. Man müsse sich nur auf Tinder anmelden, ein paar Euro monatlich zahlen, um auch alle „Features“ nutzen zu können und dann sei es nur noch eine „Frage der Zeit“. Viel Zeit hatte Geir nicht mehr.

Erstmals im Rahmen von „Auf den Spuren von…“ der Literaturbeilage des Tageblatt erschienen, 23. September 2017. Dieser Text ist eine Auftragsarbeit, die auf Basis eines von mir ausgesuchten Zitats*, unabhängig der eigentlichen Geschichte, weitergeführt wurde.

* Geir begann zu schwitzen. Sein glattrasierter Schädel glänzte bereits. Bald würden sich die ersten Schweißflecken auf seinem schwarzen Hemd abzeichnen, Schnitt Slimfit. Seltsam eigentlich, da er weder slim noch fit war. Er drehte das Glas in der Hand. „Elise, du hast genau meinen Sinn für Humor, auch wenn mir mein Hund im Moment als Familie reicht. Magst du Tiere?“

Auszug aus „Durst“ von Jo Nesbø, Veröffentlichung: 15. September 2017

SCHNELL NOCH EIN HOBBY

Ich brauche ein Hobby. Welches Hobby hast Du?
Früher, in der Grundschule, als man noch in die Poesiealben schrieb, die durch die ganze Klasse gingen, hatte man doch auch immer sehr viele Hobbys. Blockflöte spielen, Kinderchor, Karate, Fußball mit Freunden, Äpfel pflücken, mit Opa Kartoffeln aus dem Boden ziehen und/oder mit den Freunden draußen spielen. Das waren festverankerte „Institutionen“ des Alltags.

Schreiben war nie ein Hobby. Schauspielerei auch nicht. Das war irgendwie immer ein Teil von mir und nicht etwas, was ich nebenbei machen möchte. Entweder ganz oder gar nicht. Deswegen find ich es auch immer ein wenig eigenartig, wenn ein Zahnarzt oder eine Krankenschwester nebenbei „auch noch irgendwas mit Kunst oder Kultur“ macht. Wie soll etwas, was so viel Kraft kostet, ein Hobby sein? Das meine ich ganz ohne Wertung. Soll jeder machen, wie er denkt. Ich möchte hiermit ausdrücklich nicht irgendeine Debatte über die Professionalisie- rung der verschiedenen Kultur- und Kunstberufe lostreten. Aber? Ruhe!

Zurück zum Hobby. Lesen? Lesen ist wirklich kein Hobby für mich, ich finde das anstrengend. Literatur lesen. Ich verschlinge, beziehungsweise habe zwar die Bücher und Werke von Houellebecq, Nesbø, Fauser, Kästner, Shakespeare, Frisch, Stuckrad-Barre oder Bukowski verschlungen, aber ich empfinde Lesen als „harte Arbeit“. Deswegen lese ich auch nicht SO viel.

Ich kann beim Lesen nicht innerlich abschalten, und auf Tankstellenromane habe ich keinen Bock. Und Hobby soll doch irgendwas sein, womit man seine Zeit rumkriegt, was einen irgendwie unterhält und nicht zu ernst genommen werden darf. Ist das die Definition von Hobby?

In die Sauna gehen. Ist das jetzt ein Hobby? Für mich zählt das ganz klar zu Sport, immerhin schwitzt man. Früher war Sport ein Hobby, aber ab 30 ist Sport harte Arbeit, ein Kampf gegen den Sensenmann, um ihm klar zu machen: Sweetheart, noch nicht! Ich brauche noch ein bisschen. SPORT KANN NIE EIN HOBBY SEIN!

Trinken gehen und sich dabei (bestenfalls) mit seinen Freunden oder irgendwelchen Stammgästen unterhalten, wäre fast eine Option. Man kriegt auch seine Zeit rum und spätestens nach dem dritten Bier oder Gin Tonic oder Rotwein kann man weder sich noch die Freunde mehr ernst nehmen, aber wenn ich heutzutage „trinken gehen“ in ein „erwachsenes Poesiealbum“ schreiben würde, wirkt das ziemlich erbärmlich. Alkohol ist ungesund, merk Dir das!

Mehr kiffen? Yoga? Wie einst ein Kritiker der luxemburgischen, sich selbsternannten ANDEREN Wochenzeitung mir riet, ist auch keine Option, wenn ich mir den Kritiker so ansehe. Ist mir einfach zu anders. Weil anders einfach zu einfach ist.

Der Keyboarder „Flake“ von Rammstein wandert unglaublich gerne, wie er in seinem Hörspiel „Der Tastenficker“ erzählt, und vielleicht wäre das doch genau das Richtige. Wandern gehen ist ja quasi wie spazieren gehen, aber mit viel schönerer Landschaft. Vielleicht hat Wandern wirklich Potenzial, zum Hobby zu werden.

Wer will mit mir wandern gehen?

LEG DICH HIN! WIR MÜSSEN SCHLAFEN!

Die Menschen arbeiten hart, saufen ordentlich und haben viele Schulden. Sie haben aber nur sehr wenig Zeit zum Schlafen, weil sie doch so hart arbeiten müssen, um die Miete zu bezahlen, die Kinder zu ernähren, die Weihnachtsgeschenke zu besorgen. Und das Saufen, um sich ein bisschen von der Arbeit beim After-Arbeit abzulenken von Miete, Kindern und Weihnachtsgeschenken, die für noch höhere Schulden sorgen; Konsequenz: Noch mehr saufen. Klar, dass da nicht viel Zeit zum Schlafen bleibt.
Das haben auch die Startup-Heinis erkannt.

Mehr Matratzen braucht das Volk. Die Matratze, die Dein Leben rettet. Die Matratze, die alles aus Deinen drei restlichen Stunden Schlaf rausholt. Die Matratze, die Dir notfalls Espresso oder Deinen Detox-Saft ans Bett, also an die Matratze bringt.

Ich weiß nicht, wie das bei dir so ist, aber „mein Online“ ist voll mit Matratzenwerbungen. Ja, ich habe einen etwas gestörten Online-Algorithmus, weil nach den Matratzen bietet das Internet mir gleich die Penisverlängerung an. Immer schön Salz in die Wunde. Und dann ein weiteres Kreditangebot. IMMER SCHÖN SALZ IN DIE WUNDE.

Matratze EMMA, zum Beispiel, EMMA mit Lena-Meyer Landrut („love, oh love“) obendrauf, weil mit EMMA träumt sie, sagt sie. JEDE NACHT, sagt sie. Du weißt schon: Träume nicht Dein Leben, sondern träume in der Nacht. Irgendwie so. Die Gefahr aber, dass Lena-Meyer irgendwann anfängt zu singen oder sich zum dritten Mal in der Nacht die Fußnägel neu lackieren möchte ODER frivole Fotos von uns macht, die dann auf irgendwelchen schmutzigen Plattformen auftauchen, ist mir einfach zu groß. Ich brauche schließlich Schlaf. Ruhe. Unaufgeregtheit. Da hat man dann eine teure Matratze gekauft, aber Lena wuselt dauernd rum, Instagram hier, Selfie dort. Lena, ich möchte jetzt schlafen. Sorry EMMA.

Aber in Zeiten von Konkurrenz und Kapitalismus hat man schließlich die Wahl. Der Konsument ist König. Da wäre ja noch EVE. EVE ist nicht einfach EVE, sondern die „revolutionäre“ EVE, das ist doch was für mich. Eine Revoluzzerin! Ja, „it’s a match“. Ich bin doch so ein rebellischer Künstler. Wenn ein rebellischer Künstler dann auch noch auf, äh, einer Revoluzzerin schläft, kann das nur krass werden. EVE behauptet MADE IN GERMANY zu sein, im Impressum steht aber, dass EVE in London lebt, hat aber eine deutsche Telefonnummer. Das verwirrt mich. Da ist das Vertrauensverhältnis natürlich gleich wieder gestört. „Match“ rückgängig machen? Ja, bitte.

CASPER gibt es auch noch. Aber wer will schon eine Matratze, die wie ein Rapper heißt? Ein Rapper, der ständig kämpft, kreischt und „auf und davon“ ist. Da kommt man doch auch nie zum Schlaf. Gut, wenn es dann unbedingt schlaflos sein muss, vielleicht doch Lena?

ALLES MUSS RAUS

Ich will nichts mehr haben, nur noch ein Bankkonto mit ganz viel Geld, SEHR VIEL GELD, einen Laptop, um Texte wie diese zu schreiben, ein Handy, um mit meiner Agentin die vielen, SEHR VIELEN Aufträge zu besprechen, ein Sakko, zwei Jeanshosen, die ich nie wasche, weil man wäscht seine Jeans NIE, zehn T-Shirts, davon fünf mit V-Ausschnitt, zehn Boxershorts (nie eng – der Baumeleffekt macht so viel Spaß), drei Hoodies, einen möglichst dünnen, aber sehr warmen Wintermantel und eine schicke Ledertasche, um alles reinzuschmeißen.
Badehose brauche ich nicht, Badehose und Bikini sind die sinnlosesten Kleidungskonzepte überhaupt. Man schwimmt nackt oder man schwimmt nicht.

Ich werde meine Wohnung auflösen. Ich will alle Flyer, Postkarten, Sticker, Schnipsel, Vasen, Tassen, Teller, Gläser, Weingläser, Schnapsgläser, Löffel, Messer, Gabeln, Zettel, Notizhefte, Bettdecken, Bettlaken, Zeitschriften, Magazine, Bücher, CDs, Vinylplatten, Radios, Schränke, Regale, Lampen, Glühbirnen und den Fernseher und den Plattenspieler und die Waschmaschine und die Spülmaschine und den hässlichen Wasserkocher und das Sofa verkaufen, wegschmeißen, verschenken, Hauptsache weg. Geht weg, ich will euch eigentlich überhaupt nicht.
Das war die Gesellschaft, nicht ich!

Alle Verträge, Unterlagen für die Steuer, Sozialversicherungsbescheide oder wie man das Zeug nennt, es wird eingescannt, gespeichert, auf meinem Laptop, gebackupt in der CLOUD, ja, ich weiß, die CLOUD ist böse und klaut alle meine Daten, aber immerhin nimmt sie keinen Platz. Und sie ist nicht hässlich, weil unsichtbar. Was Ordner, irgendwelche Bescheide und Wasserkocher (!) nun wirklich nicht von sich behaupten können.

Und dann werde ich nur noch in Hotels leben, und wenn es mir in Hotel A nicht mehr gefällt, ziehe ich ins Hotel B. Ist es in Berlin zu kalt, ab nach Lissabon. Wohnsitz: Überall. Take that, Finanzamt!

Und hier sitze ich nun, neben meiner Waschmaschine. Ich schau sie an. Sie sagt nichts. Time to say goodbye.

HERRLICH NORMAL

„Du bist nicht normal“, sagt A. zu B., beide stellen ihre Gläser wieder zurück auf die Tischplatte, beide lachen laut, dann etwas verlegen und B. will wissen, warum das nicht geht, warum das denn nicht normal sei, er demnach nicht mehr normal ist. „Das kannst Du nicht machen, dafür bist Du viel zu alt“, erklärt A., worauf B. ein kurzes „aber“ kontert, sich dann aber zurücknimmt und nur noch anmerkt, dass es ok ist, es keinen Sinn macht, weil A. es einfach nicht verstehen kann, womöglich nicht verstehen will. Verlegene Stille.

Normal? Wenn Du wissen möchtest, ob „normal“ mit einem oder zwei „l“ geschrieben wird, Du aber dazu tendierst, dass es mit zwei „l“ geschrieben wird, googelst Du ganz einfach „normall“ und Dir wird schnell klar werden, dass es ein „l“ zu viel war, weil Google dich fragt, ob Du „normal“ meintest. Google hat Recht, das ist normal.

Demnach googelst Du jetzt das richtige „normal“ und der erste Treffer, der dir angezeigt wird, ist eine Begriffserklärung von Wikipedia, die Dir erklärt, was das Wort alles bedeuten kann, für was es steht: Normal kann ein metrologischer Vergleichsgegenstand sein. Normal war früher einmal eine Künstlergruppe.
Normal ist der Titel eines Rap-Albums von Bligg.
Normal ist ein Plattenlabel, ein Musikprojekt von Daniel Miller und ein österreichischer Musiker. Zudem heißen viele Orte in den Vereinigten Staaten „Normal“.
Auffallend, dass vieles, was sich im musikalischen Milieu abspielt, sich mit dem Wort „normal“ brüstet. Dies würde auch die normale Musik im Radio erklären. Dass Wikipedia das alles weiß, ich das einfach glaube, ist völlig normal. Ich selbst, ich weiß eigentlich nix. Ich lese nur.
Aber natürlich steht „normal“ auch für das, was die Gesellschaft, – was für ein anstrengend-bemühter Begriff -, allgemein als ok, erträglich oder verständlich empfindet. Normal ist aber auch, was sich durchsetzt.

Wenn Kinder unter kaum erträglichen Bedingungen dafür sorgen, dass ich ein bezahlbares Smartphone mit mir rumtrage, ist das völlig normal. Es ist völlig normal, dass der Kellner schief guckt, wenn jemand in einer Bar ein Glas Wasser bestellt. Schließlich trinkt man doch Alkohol in einer Bar. Auch ist es normal, dass sich die Menschen mittlerweile irgendwo in die Luft sprengen oder mit einem Lkw durch eine Masse an Menschen fahren. Das ist nicht einmal mehr ein Facebook-Profilfoto-Wechsel wert.

Wenn irgendwas eigentlich nicht normal ist, sorgt die Wiederholung mit einer Prise Gewohnheit dafür, dass „irgendetwas“ zur sozialen Norm wird. Das ist halt jetzt so, da kann man nichts ändern. Also ist es normal. Siehe Trump.

Wenn irgendein Mensch laut „Ich bin ein Schneemann und ihr seid alle kleine Schweine“ in einer Einkaufsstraße schreit und dabei heult, sieht man, wie einige Eltern ihre Kinder näher an sich heranziehen, ein paar Schaulustige ihre Handy-Kameras zücken, um das Geschehen zu filmen und dann einfach weiterlaufen, weitermachen im Leben. Sowas passiert halt. Das ist völlig normal. In unserer Welt gibt es immer ein paar Verrückte, die nicht sind wie wir, die machen einfach nicht mit. Und wer nicht mitmacht, ist nicht normal.

ERSTMAL DIE KARTE

B. fragt F., wie es so geht. „Gut, geht so“, erwidert F. Kuss links, Kuss rechts, Kuss links. B. und F. schauen sich an, nicht von oben nach unten, kein Abchecken, kein Tinder-Date, nicht in die Augen, immer nur knapp an den Augen vorbei. B. und F. setzen sich hin. „Endlich schönes Wetter“, sagt B. F. nickt, weil tatsächlich schönes Wetter ist. „Es ist so schönes Wetter, wenn schönes Wetter ist“, F. weiter. B. nickt jetzt auch, er ist einverstanden.

B. und F. sind um die 30 Jahre alt. Er wirkt etwas jünger. B. ist männlich, sein Smartphone liegt vor ihm auf dem Tisch, vor ihm, neben dem Aschenbecher. F. ist weiblich, ihre Zigarettenschachtel liegt mit etwas Abstand neben dem Smartphone, sie zieht eine Zigarette aus der Schachtel raus, maya steht auf der Schachtel, auffällig farbige Schachtel. Ohne Zusatzstoffe. Sie zündet sich die Zigarette an, erster Zug, einatmen, die Finger nehmen die richtige Rauchposition ein, ausatmen, sie ascht ab, kaum Asche, die in den Aschenbecher fällt.

„Es war wirklich kalt“, sagt F. und B. fügt hinzu, dass die Kälte nicht wirklich das Problem ist, aber der Regen, der Regen ist wirklich ein Problem. Einfach schrecklich. „Das stimmt allerdings, der Regen ist schlimmer als die Kälte“, so F. „Sonst so?“, fragt F. „Sonst so, ja, ein bisschen müde“, meint B. „Ja, müde, das ist wahrscheinlich… das Wetter, das Wetter, wenn es so viel wechselt, Abwechslung ist nicht gut, wenn es ums Wetter geht, das macht echt müde“, stellt F. fest. „Ja, der Wechsel ist das Problem“, ist B. völlig einverstanden. Einigkeit, was das Wetter angeht.

„Hm“, sagt F. und nimmt noch einen Zug. „Ja“, flüstert B. fast.

Der Kellner kommt an und fragt, was er Gutes für die beiden tun kann. F. denkt kurz nach, weiß, dass die Antwort, die sie wirklich auf seine Frage hat, den Kellner überfordern wird und fragt vorsichts(sicherheits)halber nach der Karte. Er bestellt ein Bier, vom Fass. Auf keinen Fall Flaschenbier. „Ein eiskaltes Bier, das kann nicht schaden“, behauptet B. und freut sich, dass er einmal nicht übers Wetter gesprochen hat.

„Ich glaube, ich nehme einen kleinen Rotwein“, so F. zum Kellner, der, währenddessen er das Erdnussschälchen auf den Tisch zwischen Zigarettenschachtel und Smartphone legt und das hoffentlich eiskalte Bier ein paar cm vor das Smartphone auf den Tisch stellt, nachfragt, ob sie jetzt denn weiß, was sie trinken will.

„Alles klar“, kurzes professionelles Grinsen vom Kellner.

Das Smartphone klingelt, ein Foto einer anderen weiblichen Person erscheint auf dem Bildschirm, irgendwas mit „J“ am Anfang und „a“ am Ende, annehmen?

Dass er kurz rangehen muss, sagt er, dass sie heute Abend… „ist schon klar“, sagt sie, „soll er doch machen“, sagt sie. Er zögert kurz und nimmt den Anruf an. Das Foto verschwindet hinter der rechten Kopfseite. „Ich bin noch, ja, genau, ich… ja, mit, ja, mit ihr… ich rufe dich zurück, ich… äh… ja, dauert nicht mehr lang, bis gleich, tschüss“, verabschiedet er sich und beendet das Gespräch.

„Dauert nicht mehr lang?“, fragt F. „Du weißt doch, wie ich das meine“, antwortet B., etwas peinlich berührt. „Ach, weiß ich das?“, hakt sie nach. Nächste Zigarette. Dann vibriert das Gerät, brr-brr-brr-brr, da hat wohl jemand „Herzschlag“ unter Vibration eingestellt. Sie schaut aufs Handy. Eine Nachricht. Dann noch mindestens zehn weitere. „Ist sie eifersüchtig?“, will F. wissen.

Der Kellner bringt den Rotwein. F. greift in ihre linke Hosentasche und legt zehn Euro auf den Tisch, trinkt den Rotwein auf ex, drückt die nicht einmal halbgerauchte Zigarette aus und geht. Er reagiert nicht.

WARTEN WARTEN WARTEN

ICH HASSE WARTEN! Wirklich, ich hasse es so sehr. Aber ich habe mich damit abgefunden, dass Warten mindestens 20 Prozent meiner gesamten Lebenszeit ausmacht, ausmachen wird.

Das kleine Warten: Warten auf die Gage, und weil dieser Mensch, der „Überweiser“, leider im Urlaub ist, und das für die nächsten acht Wochen, muss ich noch länger warten. Dafür darf man sich dann „freischaffender Künstler“ nennen.

Am Filmset wartet man auf seinen Einsatz, weil aber die Kamera einen Defekt hat, wartet man noch ein bisschen länger auf seinen Einsatz. Warten im Warteraum beim Arzt. Wie schrecklich das ist, einen Raum zu „bauen“, der nur fürs Warten gedacht ist. Krankes Warten auf die hoffentlich wieder zu erwartende Gesundheit.

Schlimmer, noch herausfordernder, das große Warten: Warten auf das neue, heiße Angebot, was einen endlich noch ein Stück bekannter, berühmter, renommierter macht, aber da es zur Zeit genug Bekannte, Berühmte, Renommierte gibt, muss ich noch ein bisschen warten, bis ich an der Reihe bin. Bis ich endlich auch fame bin! Nicht so luxemburg-deutsch-fame, mehr so welt-fame. Aber auch nicht so welt-fame wie Kardashian oder Erdogan, mehr so wie ein kleines wildes Katzenbaby. Süß, aber auch wild!

Ja, ich habe alle möglichen Fameweichen bereits gelegt. Ich lerne jeden Tag dazu, bin viel auf Facebook unterwegs und trinke unglaublich gerne Milch. Und wie ein sehr renommierter und ernstzunehmender Journalist der luxemburgischen Wochenzeitung „Woxx“ mal meinte, bin ich zudem ein „begnadeter Selbstdarsteller“. Und das sind Katzenbabys doch auch: Selbstdarsteller, Milchtrinker, Facebook-affin und lernfähig. Voraussetzungen erfüllt.

Ich muss also wirklich „nur“ noch warten (!!!), bis ich endlich und verdienterweise (bloß keine falsche Bescheidenheit beim Warten) entdeckt und fame werde. Und wenn ich dann welt-fame bin, werde ich die Welt vorm neugewählten Präsidenten Donald Trump retten, ein Multikulti-Zentrum vor jeden einzelnen Hauseingang eines jeden rechtspopulistischen Politikers bauen und die Zeit abschaffen. Keine Zeit, kein Warten! Wenn es denn wird.

Wird es was?

Man weiß nicht, ob sich das Warten lohnt. Würde ich jetzt schon wissen, dass sich das große Warten nicht lohnt, dann würde ich noch mehr schlafen, noch mehr Serien auf Netflix glotzen und einen Club gründen für alle anderen Wartenden, damit ich nicht so alleine warten muss.

SAGSPIEL

Was mir nicht alles schon nachgesagt wurde, was ich nicht einmal sagte. Da bin ich ganz froh, dass ich meistens nichts dazu sage, sonst käme zum „Nichtgesagten“ auch noch „Tatsächlichschongesagtes“ und „Nochdazugesagtes“ hinzu, dann wüsste man ja gar nicht mehr, was ich, wer was nicht, wer was gesagt hat. Da sag ich lieber nichts, da weiß ich immerhin, was ich gesagt habe. Sollen die Anderen doch sagen.

Das sagt so viel aus, sage ich dir, wenn Du nichts dazu sagst, was Menschen über dich oder sonst so sagen, hörte ich Mensch zu mir sagen. Andere Menschen sagten, dass ich was dazu sagen soll. Ich sage, ja, was sagen? Ich hörte sagen, dass sie sagten, dass ich sagte, ich sei ein Rebell, unentbehrlich, stilsicherer Zeitgenosse. Da könnte ich viel dazu sagen, wie etwa, dass ich nie Ähnliches sagte, aber lass die Leute sagen, so oder so ähnlich sagten die Ärzte, die Musiker, nicht die Mediziner, im Radio. Die Kunst der Sagendichtung.

Das habe ich aber jetzt schön gesagt, ein Sagspiel, kein Sagenspiel. Auch kein Sargspiel. Oh, ist das ein Spada-Wortspiel? Immer diese inhaltlosen Sagspiele. Meine Sagspiele, von Kritikern auch gerne als „Tourette-Poesie“ angesagt. Auf Kosten von nervlichen Erkrankungen lässt es sich doch immer noch am besten über Spadagesagtes lachen, äh, kritisieren.

Immer diese Kritik-Spastis, ey, gut, dass ich sowas nie sagen würde, nicht umsonst, das sage ich auch sehr gerne, sag ich, was ich zu sagen habe anHAND (Hand – oder Sagspiel?) meines Mittelfingers. Dass er das gesagt hat, unverschämt!

„Trink!“, sag ich, dann sagst Du wenigstens nichts.

Was habe ich zu sagen? Das wäre die übergeordnete Frage und auf diese Frage folgen immer noch viel mehr Fragen, die oft zu Zweifel werden, aber wen interessieren schon die Zweifel, die Ängste, wenn man ständig irgendwas DAZU sagen soll-muss. Ich muss doch auch mal nichts sagen. In amerikanischen Filmen hat man das Recht zu schweigen und das auch noch gesetzlich festgeschrieben, Polizei, Dein Freund und Helfer. Was für ein Glück, nichts sagen zu dürfen, wenn man gewohnt ist, zu allem was sagen zu müssen.

Das große Schweigen ist das bessere Yoga. Sozusagen hat das Schweigen das Sagen über alles, was nicht gesagt werden muss, das darf man doch wohl noch sagen. Was sagst Du?

Kafka im Krieg oder Sommer 2014

Sie sind gekommen, um mich zu holen. Zwei Männer. Weiße Anzüge. Ein Rothaariger und ein Blonder. Der Rothaarige hat Sommersprossen, keine hübschen Sommersprossen. Nicht solche, die das Gesicht verniedlichen. Der Blonde ist außergewöhnlich dick, ja, fett könnte man sagen, und ungepflegt. Wie typische fette Ungepflegte eben aussehen, so sieht auch dieser aus.

„Wir müssen Sie mitnehmen, Herr Ab.! Herr Ab., Sie werden es nicht verstehen, Sie müssen trotzdem mit. Es ist wichtig, wir haben kaum Zeit zu verlieren. Sie müssen gehorchen. Tun Sie das nicht, sehen wir uns gezwungen, und das bedauern wir Ihnen mitteilen zu müssen, Sie sofort umzubringen. So sieht es das Gesetz vor. Ihr Sohn ist verschwunden. Sie bestimmen, wie es weiter geht. Ihre Frau ist bereits tot. Wir hatten keine andere Wahl. Das müssen Sie uns glauben, wir töten schließlich nicht aus Spaß. Das ist unser Beruf. Wir sorgen für Ordnung. Das versichern wir Ihnen. Wenn Sie mitkommen, sehen Sie Ihren Sohn auch wieder. Vielleicht. Das können wir Ihnen leider nicht versprechen.“, erklärt mir Blond.

Ich will von den beiden Herren wissen, es genau wissen, wieso ich mit soll. Was der Grund wäre. Der konkrete Grund. Eine Frage, die, wie ich finde, absolut gerechtfertigt ist. Nur weil meine Frau tot ist und mein Sohn verschwunden, muss ich doch nicht gleich mit. Ich wurde ordentlich erzogen, ich soll nicht und niemals mit wildfremden Menschen mitgehen, besonders nicht dann, wenn ich gezwungen werde. Man mir mit dem Tod droht.

Würden Sie da mitwollen? Nein, würden Sie nicht.

In Kriegszeiten sind Drohungen jeglicher Art sehr ernst zu nehmen. Das habe ich verstanden, nein, da mache ich mir auch nichts vor. Aber ich bin ein großzügiger Mensch, ich drücke im Rahmen besonderer Anlässe gerne ein Auge zu. Ich will also lediglich von den beiden Herren wissen, was ich verbrochen, getan, missverstanden habe. Dann komme ich eventuell mit. Da lasse ich mit mir reden. Vielleicht.

Bin ich zu teuer? Was koste ich denn?

Sie wollen doch alle immer nur Geld. Sie brauchen alle einen Grund. Geld ist immer ein Grund. Nun, ich habe kein Geld. Ich will aber auch kein Geld. Mein Großvater pflegte zu sagen, dass Geld dumm mache. Und dumm will und wollte ich nie werden. Ich habe nie etwas verlangt, will also jetzt auch nichts abverlangt bekommen. Wenn diese beiden Herren gekommen sind, um etwas zu holen, was ich nicht geben kann, kriegen sie nichts. So schwer zu verstehen dürfe das nicht sein.

Es geht hier nicht um Recht, darauf weisen die beiden Herren mich fast freundlich hin. „Nicht um Ihr Recht“, näselt der Rothaarige etwas befremdlich dämlich, aber betont streng.

Der Blonde nickt zustimmend. Der Rothaarige und der Blonde wollen mir unmissverständlich klar machen, dass ich keine Rechte habe. Nicht annähernd Rechte besitze. Kurz, ich habe zu tun, was die Herren mir zu tun geben. Tue ich das nicht, tun sie mir weh. Die Situation ist klar und deutlich.

Der Rothaarige kaut an seinen Fingernägeln. Der Blonde versucht, schätzungsweise, 20 Sekunden lang einen kleinen Notizblock aus seiner Hosentasche herauszuziehen. Nachdem ihm das gelungen ist, kritzelt er kurz was rein und packt es zurück in die Hosentasche. Wichtigtuerei. Drei Menschen in der Küche. Wir schweigen und starren uns gegenseitig an. Ich denke.

Vielleicht ist es auch meine Haarfarbe, mein schwarzes, gepflegtes Haar, mein über die ganze untere Gesichtshälfte gleichmäßig verteilter Drei-Tage-Bart. Oder sind es meine fehlenden Sommersprossen? Das ist mir gleich aufgefallen, als die beiden Herren meine Wohnung betraten. Ich habe viel bessere Haut, viel besseres Haar. Mein gesamter Kopf – und Gesichtsbereich ist viel besser ausgestattet und gepflegt.

Leute wie wir achten auf unser Äußeres. Aber das kann doch nicht der Grund sein, dass die beiden Herren so schlecht auf mich zu sprechen sind, Neid hin oder her. Sind es die Bücher hier? Mögen die Herren die Bücher nicht? Regale voller Bücher: Geschichten, Philosophie, Religion und Ratgeber. Ist es denn mittlerweile nicht mehr erlaubt, Bücher zu lesen? Das wäre sehr traurig. Meine Frau hat übrigens auch sehr viel gelesen. Kennen Sie Kafka? Jeder kennt Kafka. Die zwei Männer zeigen auf die Uhr, es ist Zeit.

„Hat er Ihnen nicht verboten mich aufzusuchen? Mir mit dem Tod zu drohen? Ich habe Ihn leider nicht erreichen können. Aber hätte ich ihn erreicht, wenn er denn erreichbar wäre, würde er Ihnen sofort erklären wieso und um welches Missverständnis es sich hier handelt. Weiß er denn von diesem Vorfall hier?“, frage ich die beiden Herren.

„Ja.“, antwortet Blond.

„Ja, was?“, antworte ich.

„Was, ja?“, antwortet Blond.

„Ist völlig irrelevant“, antwortet Rot.

„Nicht wenn Sie behaupten, er wisse von diesem Vorfall“, behaupte ich.

„Von wem reden Sie denn?“, fragt Rot.

„Von wem reden Sie denn?“, frage ich.

„Irrelevant.“, behauptet Blond.

„Antworten!“, schreit Rot, er ist wütend.

Wäre ich wohl auch an seiner Stelle.

„Kennen Sie Kafka?“, frage ich.

„Sie sind ein Abel, vergessen Sie das nicht!“, antwortet Blond.

„Menschen aus Abel sind nicht für ihre Vergesslichkeit bekannt. Vergessen Sie das nicht“, antworte ich.

„Kafka hilft Abels nicht!“, behauptet Rot.

„Aber kennen tun Sie ihn nicht?“, frage ich ein zweites Mal.

„Auch der amerikanische Präsident hilft Abels nicht“, antwortet Rot.

„Wieso sollte der uns helfen?“, frage ich.

„Ja“, antwortet Blond.

„Was ja?“, frage ich.

„Ja, Kafka. Kafka, Kafka, Kafka. Auf den berufen sich alle. Glauben Sie nicht, dass immer dann, wenn Sie in Not stecken, der amerikanische Präsident Ihnen helfen kann. Und wissen Sie was? Kafka ist tot. Wir haben ihn ermordet. Sie haben gegen das Gesetz verstoßen. Alles andere interessiert uns nicht“, antwortet Rot.

„Aber gegen welches Gesetz habe ich denn verstoßen?“, frage ich.

„Der Prozess wird Ihnen heute Abend gemacht“, antwortet Rot.

„Prozess?“, frage ich.

„Natürlich!“, antwortet Blond.

„Glauben Sie, das sei alles reine Willkür?“, fragt Rot.

„Was habe ich falsch gemacht?“, frage ich.

„Sie haben alles richtig gemacht.“, antwortet Blond.

Ich habe den Verdacht, dass wir aneinander vorbeireden. Ich bemühe mich um einen letzten Versuch, den beiden Herren verständlich zu machen, dass es heutzutage doch das Internet gibt, und einen Vorfall wie diesen könne man sehr schnell klären, indem man in diversen themenspezifischen Foren nach einer Antwort sucht.

Auch ich wäre sehr an einer raschen und aussagekräftigen Antwort interessiert. Schließlich steht nicht jeden Tag das eigene Leben auf dem Spiel. Dies ist auch ein wichtiger Tag für mich. Und vielleicht haben bereits andere Menschen ihre Erfahrungen mit einem Rothaarigen und einem Blonden gemacht, die in diesem Land einen Mann aufsuchen, dessen Frau umgebracht wurde und dessen Sohn verschwunden ist. In Zeiten wie diesen ist das ja auch keine Seltenheit, Lösungen dagegen schon.

„Wissen Sie, wo mein Sohn ist?“, frage ich.

„Ja!“, antwortet Blond.

„Werde ich ihn wiedersehen?“, frage ich.

„Die Chancen sind gering, aber das kann man zu diesem Zeitpunkt noch nicht genau sagen.“, antwortet Blond.

„Werden Sie mich zu ihm bringen, wenn ich mitkomme? Versprechen Sie mir das?“, frage ich.

„Hier wird nichts versprochen. Versprechen sind Luxus. Die Zeiten sind schlecht und Sie können sich keinen Luxus leisten.“, antwortet Rot.

„Und was ist jetzt mit dem amerikanischen Präsidenten?“, frage ich ein letztes Mal.

Der Rothaarige wird nervös. Er sagt nichts, er ringt um Fassung, dann, setzt an, aber: Nichts. Er schaut rüber. Er schaut zurück zu mir, immer noch nichts. Er schaut zum Blonden und macht irgendwelche für mich nicht deutbare Handbewegungen. Blondkopf nickt und fragt mich höflich, ob ich seinem Arbeitskollegen einen Tee machen könne.

„Ich kann fantastischen Tee kochen, ich koche wahrscheinlich den besten Tee in diesem Land. Das kann ich nun wirklich besonders gut. Ich koche den allerbesten Tee, den Sie je getrunken haben. Sie werden begeistert sein“, antworte ich.

„Espresso, ich will Espresso“, so Rot.

„Aber Ihr blonder Kollege meinte doch, dass Sie Tee trinken möchten. Habe ich das geträumt? Das haben Sie doch selbst gehört. Lügen Sie nicht!“, antworte ich.

„Falls Sie mich meinen, ich habe nichts gesagt“, lügt der fette Dicke.

„Mein Kollege hat nie gesagt, dass ich Tee trinken will. Wieso auch? Ich hasse Tee. Und Sie unterstellen uns mit Sicherheit keine Lügen. Sie nicht. Ich möchte bitte, ich sage nicht zweimal Bitte, einen Espresso. Ohne Zucker. Ohne Milch.“, erklärt ein sehr genervter Rothaariger.

Das ist aber jetzt ein wirklich sehr unangenehmer Zufall. Ich kann nur Tee kochen und die Espresso- Maschine ist leider defekt. Und sowieso ist Espresso in diesem Land nicht sehr beliebt. Die Lage ist ernst.

„Wir rauchen nur. Zigarette?“, frage ich die Herren.

„Rauchen ist ungesund!“, weist mich der fette Dicke zurecht.

„Kommt mir bekannt vor.“, antworte ich.

„Herr Ab., auf Basis einer Metapher würde ich Ihnen gerne Ihre aktuelle Situation verdeutlichen. Sie sitzen nun auf einem Stuhl. Dieser Stuhl schwankt von links nach rechts und wieder zurück nach links und rechts und links. Und Sie müssen selbstverständlich wissen, dass Sie keine Kontrolle über den Stuhl haben. Wir bestimmen, wann und ob der Stuhl nach links oder rechts fällt. Auf Ihrer linken Seite können Sie den Tod sehen, auf der rechten Seite das Leben. In diesem Moment, so kann ich Ihnen versichern, bewegen Sie sich in zunehmender Geschwindigkeit auf die linke Seite zu. Haben Sie verstanden?“, der Rothaarige versteht nun wirklich keinen Spaß mehr.

„Das habe ich bereits verstanden, als Sie reinkamen. Das steht hier aber nicht zur Diskussion. Ich kann mit beiden Seiten gut leben, nur will ich nicht leben, wenn ich dabei dauernd Angst haben muss, zu sterben, und sterben will ich nicht aus dem Grund, dass Sie mir keinen Grund geben wollen. Haben Sie das verstanden? Oder benötigen Sie eine Metapher?“, wird man doch wohl noch fragen dürfen.

Ich hatte noch nie so wenig zu verlieren. Mein Großvater pflegte zu sagen, dass Risiko der Schlüssel zum Leben ist. Dem wahren Leben.

„Wussten Sie, dass Ihre Frau fantastischen Espresso gemacht hat?“, fragt Blond.

„Sie hat wirklich fantastischen Espresso gemacht. Etwas herb, nicht zu sehr. Bekömmlich, nicht zu süß“, kommentiert Rot.

„Und mein Sohn?“, frage ich.

„Welcher Sohn?“, fragt Rot.

 

Wir schaffen das, Jessica!

Meine erste Serie war „Californication“. Man kann behaupten, dass „Californication“ mit Hank Moody (David Duchovny) das „Sex and the City“ für Männer ist. Ein Schriftsteller, der einen Bestseller geschrieben hat, eine Frau liebt und mit vielen anderen Frauen schläft und in Los Angeles lebt. Das begeistert natürlich. Immer am Scheitern, immer am Rauchen und Trinken und trotzdem fantastisch dabei aussehen. Der Mann hat nicht einmal Angst vor dem Finanzamt oder vor Lungenkrebs. Vor miesen Kritiken sowieso nicht. Aber so leben, auf Dauer? Nein, danke. Oder vielleicht doch? Abwarten.

Weiter ging’s mit „True Blood“. Es ging um Vampire, hetero- und homosexuelle Vampire, Teenie-Vampire, normale Menschen… WOW!

Das Beste an der Serie ist der Titelsong „Bad Things“ („But before the night is through/I wanna do bad things with you“) und die vielen gut aussehenden Vampire, die auch ganz viel untereinander miteinander schlafen. Ansonsten: Endlichkeit und Unendlichkeit, Blut, Ausgrenzung, Menschen, gute Vampire, schlechte Vampire. Alle sehen richtig heiß aus, auch die Bösen, nur die SEHR BÖSEN sehen nicht ganz so heiß aus. Dafür sind sie SEHR BÖSE und das macht sie auch schon wieder SEHR HEISS.

Nach dieser Serie war ich dann völlig verrückt nach gut aussehenden Vampiren, allen voran Jessica, die erst im Laufe der Serie zum Vampir „gebissen wurde“. Ich wollte sofort auch Vampir werden, dass sie mich zum Vampir macht, dann würden wir das zusammen durchstehen. „Wir schaffen das“, würde ich Jessica zuflüstern.

Sie und ich gegen die Vorurteile, oder so. Und man sah ja auch als Vampir noch immer wie ein Mensch aus. Nur ohne sichtlich älter zu werden, in der Nacht leben, unsterblich. Daran kann man sich doch problemlos gewöhnen, oder? Ach Jess, wo bist du nur?

Zurück in der Realität begann ich wirklich zu hoffen, dass es vielleicht doch etwas mehr gibt, als dieses langweilige Menschsein und das aber bitte ohne irgendwas mit Gott und Religion.

Ich machte mich auf die Suche. Und ich glaube, ich habe sie entdeckt, diese Vampire. Ich habe einen Verdacht, dass die KellnerInnen meiner Stammbar mich deswegen so begeistern, weil sie womöglich Vampire sind. Das würde dann auch erklären, warum die seit fünf Jahren immer gleich gut aussehen, wenn sie mich mit Flüssigem (durchsichtiges Blut) versorgen.

Auch könnte dies erklären, warum ich ihnen nur nachts begegne. Und sie so nervös werden, wenn es draußen langsam beginnt hell zu werden, ich aber immer noch weiter Getränke bestelle. Sie haben Angst vor der Sonne und wenn ich nicht möchte, dass sie durch die Sonne zu Matsch werden, sollte ich möglichst immer eine Stunde vor Sonnenaufgang schnell nach Hause (die Vampire müssen doch noch Kasse machen, putzen, und so weiter). So werde ich allerdings nie herausfinden, ob an meinem Verdacht etwas dran ist.

Ich zieh‘ mir jetzt eine neue Serie rein, um auf andere Gedanken zu kommen. Vielleicht nochmal „Narcos“, ich habe da so eine Idee für ein neues Geschäftsmodell. Gotta learn from the best.