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NOT YET A WOMAN

DIE sozialen Medien. Immer wenn ich die drei Worte in dieser Reihenfolge benutze, komme ich mir wahnsinnig alt vor.

Durch die sozialen Medien sind wir ja ständig auf dem Laufenden. Bei letzterem Satz komme ich mir auch sehr alt vor. ABER ES STIMMT. Doch nicht nur, weil wir jetzt immer sofort wissen, wenn wieder ein Trottel sich irgendwo in die Luft jagte oder eine neue Matratze auf den Markt kommt, nein. Es geht um eine ganz bestimmte Sorte von Bloggerin, die einfach nur gerne reist, weil sie so gerne Menschen kennenlernt, gerne andere Kulturen kennenlernt, ja, das Leben genießen möchte. Meistens nennt sie sich auch nicht Bloggerin, sondern „Influencerin“, „Girl on the move“, „Just a girl“ oder „Girl“. „Girl“, weil „not yet a Woman“, wie Britney weiß.

Diese Reisende beschäftigt mich, nicht, weil sie so kluge Sachen schreibt, sagt, sondern nicht einmal versucht, sich in die Nähe von inhaltlicher Relevanz zu begeben. Dagegen wirkt das Programm von Mario Barth fast schon anspruchsvoll. Und sogar ein bisschen feministisch.

Die Reisende nämlich zeichnet sich alleine nur dadurch aus, dass sie etwas geil in die Kamera schaut, während sie ihren Detox-Saft trinkt und anschließend in ihrer Live-Story erklärt, warum Detox so wichtig ist.

Beim Abendessen gibt es teuren Champagner, irgendwas mit Fusion-Küche, mit Blick aufs Meer und in ihr Dekolleté. Dabei wird betont, wie wichtig die kleinen Dinge im Leben sind: Kaviar, Deluxe-Suite, Bio-Diamanten-Ring. „Ok cool“, um Yung Hurn zu zitieren.

Dann wird der Abend gemütlich ausklingen gelassen, indem das zwanzigjährige „authentic girl travelling around the world“ ein Foto von sich im String-Bikini hochlädt, wie sie der Sonne beim Untergehen zuschaut. Gute Nacht Sydney, wir sehen uns übermorgen im Whirlpool in Los Angeles, wo ich irgendeine andere Botoxtussi treffe, um darauf hinzuweisen, dass es anderen Menschen nicht so gut geht wie uns. Wir sollten also wirklich den Tag genießen. Und das jeden Tag. Schließlich hat man nur ein Leben. Herz.

Solche Fotos werden „en masse“ tagtäglich hochgeladen. Das ist ganz normal. Da reist jemand durch die Welt, dessen Jobbeschreibung als „nichts“ zu benennen wäre. Und: Das Leben genießen. Natürlich authentisch und einem Subtext von „du musst es nur wollen, dann kannst du alles schaffen“.

WER ZAHLT DAS?

Möglichkeit eins: Die Eltern sind reich.

Möglichkeit zwei: Der Hersteller vom String-Bikini zahlt es, aber dann müssen viele Bikinis gekauft werden, damit sich das am Ende auch rentiert. Das ist meistens das kleinste Problem.

Beide Möglichkeiten sind Realität.

Da bleibt natürlich die Frage, was die Reisende in 20 Jahren macht. Bei Option eins ist die Antwort klar: Immer noch reisen. Bei Möglichkeit zwei wird es komplizierter, denn der Hersteller interessiert sich nicht für Vierzigjährige vorm Sonnenuntergang. Auch das ist eine Realität. „Don’t shoot the messenger“. Ich bleibe dran und werde in zwanzig Jahren an dieser Stelle berichten, wie es der dann mittlerweile Vierzigjährigen ergangen ist, wenn ich mit 52 noch weiß, wie mit den sozialen Medien umzugehen ist.

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