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WAS GUCKEN?

Ich bin in der Wohnung meiner Eltern, und ich habe sturmfrei. Das löst in mir jugendliche Gefühle aus, wie früher, als ich 16 war und gleich alle Freunde zu mir eingeladen habe, um dieses bisschen Freiheit voll auszukosten. Endlich, die Alten sind weg.

Heute habe ich zwar immer noch Freunde, aber die meisten davon leben nicht mehr in Luxemburg oder wenn doch, kommen sie nicht vorbei, weil sie „morgen arbeiten müssen“ oder selbst eine Wohnung haben. Sturmfrei stellt keinen Mehrwert mehr dar.

Gut, dann bleibe ich halt alleine und gucke Fernsehen.

Ich hole mir etwas aus dem latent immer gefüllten Kühlschrank und öffne eine Flasche Rotwein und hoffe, dass es nicht eine dieser Flaschen ist, die ich nicht öffnen soll, weil diese nur für besondere Gelegenheiten geöffnet werden darf.

Das war schon vor fünfzehn Jahren immer ein Problem, wenn ich die Flasche von 1985 benutzte, um mir einen schönen Cola-Wein zu mischen. Heute lasse ich die Cola weg.

Zufrieden fläze ich mich auf die beige Ledercouch, stelle das Knabberzeug, Flasche und Weinglas auf den Boden, was ich zwar in meiner eigenen Wohnung auch tue, aber hier, bei meinen Eltern, fühlt es sich immer etwas verboten an. Da ist er wieder. Der Kick.

Und dann nehme ich die Fernbedienungen, es sind zwei, eine für dieses komische Teil mit den ganz vielen Fernsehsendern drauf und eine für den Fernseher selbst. Nach gefühlt zwei Stunden schaffe ich es, den Fernseher zu starten, so dass ich das sehen, ja erleben kann, was dieses Teil zu bieten hat.

Darauf habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut.

Fernsehen schauen.

Toll. Erst die Tagesschau, doch das deprimiert mich dann ganz schnell. Tote. Trump. Terror. Ich zappe weiter. Wintersport. Ich finde nichts langweiliger, als Menschen auf Brettern zuzuschauen, wie sie Schneehügel hinunter fahren. Dann Best of… von irgendwas und ein Anruf, der das Leben einer schwangeren Frau veränderte, da der Anruf verkündete, dass ihr Mann tot ist. Traurige Musik. Das ist mit dann doch zu zynisch: Best of.

Weiter. Doku-Reality-Scheiße. Schnell weiter. Nachrichten aus dem Leben der Reichen und Schönen. Zweites Glas und nächster Sender. Shopping Queen, oh Mann! Nein, das mit dem Feminismus ist noch nicht bei VOX angekommen. Dann noch ein Reality-Ding, eine Serie, die schon vor fünfzehn Jahren niemanden interessierte, eine Frau, die ein Foto anschaut, dramatische Musik, sie stirbt. Ich drücke mehrmals auf den „nächster Sender“-Knopf und schon wieder Wintersport. Meine Güte, schafft den Winter doch einfach ab. Weiter, weiter, weiter. Eine Koch-Show. Eine Hitler-Doku. Sehr gut, Erinnerungskultur. Noch eine Koch-Show, noch eine Hitler-Doku und noch irgendwas mit irgendeiner traurigen Familie, wo alle besoffen sind, nur das Baby nicht, und damit das so bleibt, nimmt das Jugendamt das arme Ding mit.

Da ist ja wirklich gar nichts drin in diesem Teil. Und Mist, die Erotik-Kanäle sind gesperrt. Dann trink ich halt einfach nur Wein, ohne Cola, ohne Fernsehen und ohne Freunde.

Zuerst erschienen am 06. Februar 2018, Lëtzebuerger Journal

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